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Wer schenkt einem Freiberufler 330 MB Software, die im Normalfall EUR 490,- kostet? Die across Systems GmbH aus Karlsbad macht das ...

5. August 2010 - Permalink - Kategorie: translation - Tags: cat, tent, windows, across

Wer schenkt einem Freiberufler 330 MB Software, die im Normalfall EUR 490,- kostet? Die across Systems GmbH aus Karlsbad macht das (seit 2005). Ein komplettes Übersetzungstool, das von registrierten Freiberuflern kostenlos genutzt werden kann. Das Tool arbeitet mit einer (im Installationspaket enthaltenen) Microsoft SQL-Datenbank.

Auf der across-Website finden sich Unmengen an Whitepapers, Hilfen und Dokumenten, die wochenlangen Lesegenuss bieten können. Das Programm hat stolze Mindestanforderungen (u. a. 512 MB Arbeitsspeicher) an das System und besteht aus mehreren Modulen (Oberfläche crossDesk, crossTerm Terminologie-DB, crossTank Translation Memory oder den crossGoodies, Tools dritter Parteien z. B. zum Schreiben der Rechnung, Backup und Restore).

Alle Übersetzungen sind projektbasiert und werden durch Assistenten vorbereitet und kompiliert. Workflows werden beim Anlegen eines Projekts gewählt (und lassen sich leider nachträglich nicht mehr abändern). Neben Office-Dateien können Adobe InDesign (inx), QuarkXPress (xtg) und viele andere Formate verarbeitet werden.

So weit, so gut. Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, alle Funktionen aufzuzählen, das lässt sich ja auch prima nachlesen. Daher fangen wir mal mit den kleinen und großen Nachteilen an.

Das Programm ist langsam. Richtig, richtig langsam. Das grenzt wirklich schon an Körperverletzung. Die getestete Version 3.5 SP2 soll angeblich schon sehr viel schneller sein als frühere Versionen, aber dann bin ich heilfroh, nie die älteren Versionen kennengelernt zu haben. Problematisch sind zum Beispiel das Speichern nach Fertigstellen eines Abschnitts oder das Hinzufügen eines Begriffs im Rechtschreibmodus – angestrichen werden leider auch so "exotische" Wörter wie z. B. "diese". Der Arbeitsablauf Übersetzen 30 Sekunden warten Übersetzen etc. ist nicht wirklich effektiv, geschweige denn produktiv. Nennen wir es ein K.O.-Kriterium. Böse Zungen werden jetzt behaupten, es läge an der Microsoft SQL-Datenbank.
Bevor nun jemand meint, über meine Testumgebung zu lästern, der sei darauf hingewiesen, dass andere CAT-Tools auf demselben Rechner weit schneller sind.
Potenziert wird das Problem durch die mangelhafte Segmentierung. So werden Word-Dateien absatzweise (und nicht satzweise) segmentiert  dank des phlegmatischen Speicherns dauert das Bearbeiten entsprechend.
Der letzte Punkt führt auch zu viel Gefrickel bei unterschiedlich formatierten Sätzen. Als Formate sind die im Quelltext vorhandenen Formate verfügbar.
crossTerm frisst anscheinend gerne Begriffe mit einem Apostroph. So wird z. B. kein "appel d'offres" erkannt.
crossTerm zeigt aber dagegen fröhlich doppelte Treffer an. Also neben der Übersetzung für "assessment" zum Beispiel auch die Übersetzung von "assess". Andere Tools sind da intelligenter.
across kann keine Trados-Dateien (präsegmentiert, itd, ttx, Termbase) "richtig" verarbeiten. Bei Terminologie-DBs ist ärgerlich, dass man dem Absender der DB zunächst erklären muss, wie er denn bitte seine DB zu exportieren hat. Wer macht so etwas?
Es gibt keine Community. Keine Mailinglisten. Keine Foren. Bei anderen Tools gibt es deutlich mehr usergenerierte Informationen im Netz. Bedauerlicherweise konzentriert sich across auf Firmenkunden – klar, die bezahlen ja auch weiterhin, aber ohne Fußvolk (vulgo: Übersetzer mit across) werden diese Firmen nicht zu across wechseln.
Workflows lassen sich in der FL-Version nicht definieren.
Positive Punkte haben wir auch:

  • die projektbasierte Konzeption überzeugt
  • das Tool Termextraktion und -übersetzung (in einem Workflow enthalten) ist außerordentlich empfehlenswert
  • das Qualitätsmanagement (Rechtschreibung, Formatierung etc.pp.) ist komplett im Paket enthalten.
  • Es lassen sich eine Menge Berichte verschiedener Art erstellen. Als kleiner Freiberufler braucht man das nicht, aber als Agentur u.U. schon.
  • crossTerm und crossTank bieten viele Möglichkeiten zum Export und Import (bis auf, naja, siehe oben).
  • Die grundsätzliche Idee (Einloggen mit der FL-Version auf dem Server der Agentur) ist verlockend und eigentlich recht sinnvoll.

Zusammengefasst eignet sich across in der Einzelplatzversion für

  • Übersetzer, die es gern einfach haben – viel Klickibunti mit geringem technischen Anspruch an den Endnutzer und kein spartanisches Herumgeporkel wie bei OmegaT.
  • bei kleinen Dokumenten und/oder kurzen Segmenten fällt die Geschwindigkeit nicht so schrecklich ins Gewicht
  • Produktivität hin, Geld her  viele Anfänger freuen sich über das Riesenpaket kostenfreier Software, das ja immerhin eine ganze Reihe Funktionen bietet – nur richtig professionell (heißt vor allem Kompatibilität zu anderen CAT-Tools, v. a. Trados) ist es halt nicht.
  • immerhin, wer später meint, ein richtiges Tool muss her, freut sich darüber, dass across keine Einbahnstraße ist, sondern sich die TMs und Terminologie-DBs aus across problemlos exportieren und anderweitig importieren lassen.
  • Firmen mögen an der engen Vernetzung mit bzw. Anbindung von Übersetzern sehr interessiert sein. Nur ob da die Übersetzer wirklich mitmachen?

5. August 2010 - Permalink - Kategorie: translation - Tags: cat, tent, windows, across